57. „Weißer Bär von Berlin“


Fechtshow im historischen Kuppelsaal

Die Atmosphäre im historischen Kuppelsaal brodelt. Gut 250 Gäste scharren erwartungsvoll mit den Füßen, als das Licht ausgeht und Moderator Christian „The Voice“ Holzmacher die beiden Finalisten des 57. „Weißen Bären von Berlin“ ankündigt. Zwei Spots führen Niko Vuorinen (FIN) und Aymerick Gally (FRA) von links und rechts in den Saal und auf die niegelnagelneue Finalbahn hinunter, begleitet von fetziger Musik. Nach kurzer Vorstellung eröffnet Kampfrichter Ingolf Blumowski das Finalgefecht.

Nicht einmal 6 Kampfminuten später drückt Vuorinen, 13:14 zurückliegend, den Franzosen bis fast an den letzten Meter und versucht einen Angriff auf den Oberschenkel. Gally schafft es gerade noch auszuweichen. Der Finne dreht sich kurz zum Melder, weil er auf den Treffer zum Ausgleich hofft, das Publikum raunt. Enttäuscht beginnt er wieder Druck aufzubauen, als Gally zu einem Flash mit Sixtgleitstoß explodiert. Die grüne Lampe zeigt den  Siegtreffer noch an, während Gally sich die Maske herunterreißt und in einem letzten  Kampfschrei alle Emotionen des Wochenendes freilässt. Das Publikum tobt.

Niko Vuorinen (FIN) beim Angriff (Foto: Mirko Seifert)

Aymerick Gally (FRA) nach seinem Siegtreffer (Foto: Mirko Seifert)

Die Sieger des 57. „Weißen Bären von Berln“ 2017 v.l.: Niko Vuorinen (FIN), Aymerick Gally (FRA), Alvaro Ibanez (ESP), Jiri Beran (CZE)  (Foto: Mirko Seifert)

Aymerick Gally gewinnt damit als erster Franzose das Traditionsturnier und als zweiter EFC U23 Fechter nach Frederick von der Osten (DEN) im Jahr 2015. Er gehört nun auch zu den stolzen Besitzern des Weißen Bären, der Porzellanfigur der Königlichen Porzellan-Manufaktur.

Mit Peter Bitsch (Darmstädter FC, Platz 11), Toni Kneist (PSV Berlin, Platz 15) und Falk Spautz (TSV Bayer Leverkusen, Platz 16) schafften es immerhin drei Deutsche in den 16er Direktausscheid. Gerade für Toni Kneist eine herausragende Leistung, ist er doch fester Bestandteil des Organisationsteams. Am Freitag Aufbau bis 23.00 Uhr, dann Fahrt nach Hause, 20km quer durch die Hauptstadt. Am nächsten Morgen wieder zurück. Während des Turniers, parallel zu seinen Gefechten, immer auch mit den Gedanken bei Ablauf und Koordinierung. Im 16er unterlag er schließlich genau dem späteren Turniersieger nach eindrucksvollem Kampf. Die Sonderwertung des „Besten Berliners“, gestiftet vom Bezirk Berlin-Charlottenburg, gewann er aber und das Publikum würdigte seine fechterische Leistung und sein Engagement mit Standing Ovation.

Toni Kneist (PSV Berlin) bei der bewegenden Sonderehrung „Bester Berliner“ (Foto: Mirko Seifert)

Info

304 Starter aus 31 Nationen, das gab es zuletzt 1992. Damals waren es 322 Starter aus 25 Nationen. Gewonnen hat der Ungar Krisztian Kulcsar und sechs Deutsche tummelten sich im Viertelfinale, darunter Uwe Proske, Robert Felisiak und Mariusz Strzalka.

 

Der „Weiße Bär von Berlin“ strebt zu neuen Höhen

Über 300 Teilnehmer aus 31 Nationen, das ist rekordverdächtig und gab es zuletzt  Anfang der 1990er Jahre. Die Gründe dafür führen die Organisatoren aus Fecht-Club Grunewald Berlin e.V. und Berliner Fechterbund e.V. auch auf die außerordentlich gute Zusammenarbeit zurück. „Der im letzten Jahr begonnene schrittweise Wandel zum modernen Fechtsportevent trägt nun die ersten Früchte“, sagt Mario Freund (Präsident Berliner Fechterbund e.V.). „Mit unserer neuen Webseite www.bearfencing-berlin.de haben wir zudem eine viel größere Transparenz und internationale Reichweite. Und Medienpartner Hauptstadtsport.tv trägt durch seine bekannt mitreißende  Videoberichterstattung weiter zum positiven Imagewandel im Berliner Fechtsport bei.“

Das moderierte Galafinale im historischen Kuppelsaal war bereits 2016 ein Highlight für
Zuschauer und Sportler. Viele kommen gern hierher zurück oder zum ersten Mal hierher, um einmal im historischen Kuppelsaal zu fechten oder als Zuschauer diese ganz besondere Atmosphäre zu erleben. So zeigten sich auch die anwesenden Ehrengäste, DFB-Präsidentin Claudia Bokel und DFB-Ehrenpräsidentin Erika Dienstl, außerordentlich beeindruckt.

Dieter Bergmann, Präsident des Fecht-Club Grunewald Berlin e.V., schwärmt: „Es ist umwerfend, welche Begeisterung wir mit unserem Turnier auslösen können.“

(Foto: Mirko Seifert)

Premiumpartner EVENTTATION Veranstaltungstechnik UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG ist dabei ein wichtiger Schlüssel. Sie sind verantwortlich für die moderne Licht- und Tontechnik, aber vor allem auch für die Kommunikation zwischen den fünf Fechthallen inklusive Kuppelsaal im Haus des Deutschen Sports sowie nach „draußen“ ins Internet — eine technische Herausforderung in den historischen Gemäuern aus den 1930er Jahren.

Der historische Kuppelsaal vor dem Galafinale Haus des Deutschen Sports, Olympiapark Berlin
(Foto: Mirko Seifert)

Zudem ist es der großartigen Unterstützung des Landes Berlin als Fördergeber zu verdanken, dass sich der „Weiße Bär von Berlin“ in den Bereichen Technik und Marketing
derartig weiterentwickeln konnte.

10. „Kleiner Weißer Bär“ – Berliner Nachwuchstalente erfolgreich

Erstmals wurde am Sonntag in der selben Location parallel das Internationale Schüler-
Florett-Turnier „Kleiner Weißer Bär“ gefochten, unter der Regie des Fecht-Club Grunewald Berlin e.V..

„Die Zusammenlegung des Großen und Kleinen Bären war ein logischer Schritt, der viele Synergien in Organisation und technischem Aufwand erschließt“, fasst es Dieter Bergmann fast zu nüchtern zusammen.

BFB Jugendwartin und Trainerin des Berliner Fechtclubs Julia Dilger sagt: „Für unseren Nachwuchs ist es klasse, in diesem Rahmen fechten zu dürfen“, und bezieht sich dabei auch auf die mitreißenden Finalgefechte, die ebenfalls im historischen Kuppelsaal stattfanden. Dass Primus I. (vorläufiger Name), Maskottchen der Deutschen Fechterjugend, ebenfalls anwesend war, toppte das Ganze dann auch noch.

Den „Kleinen Weißen Bären“ gewannen Emilia Rohner (SC Berlin) in der Wertung Schülerinnen (M), Linus Schulz (FC Berlin Südwest) in der Wertung Schüler (M), Larissa Evers (KTF Luitpold München) in der Wertung Schülerinnen (Ä) und Jonathan Pfeiffer (Berliner FC) in der Wertung Schüler (Ä).

Siegerehrung 10. „Kleiner Weißer Bär“ Schüler (M), v.l.: 1. Linus Schulz (FC Berlin Südwest), 2. Henry Hutchings (USA / Berliner FC), 3. Louis Wagner (FC Berlin Südwest) und Samuel Luft (Berliner FC) (Foto: Mirko Seifert)

Finalgefecht 10. „Kleiner Weißer Bär“ Schüler (Ä) zwischen Jonathan Pfeiffer (Berliner FC, links und Lino Mc Conell (SC Berlin) (Foto: Mirko Seifert)

Wir danken allen Förderern, Partnern, Helfern und Organisatoren für ihre großartige Unterstützung bei der Turnierausrichtung und freuen uns auf das nächste Jahr.

Dirk Röder, Berlin 23.01.2017

Fecht-Club Grunewald Berlin e.V. und der „Weiße Bär“

Es klingt kurios, dass in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg das Fechten als militärischer Sport verboten war. Die Alliierte Kommandantur der Siegermächte des Krieges hob dieses Verbot im Juli 1950 auf. Kurz darauf, schon im Oktober 1950, wurde unser Verein von Berliner Fechtenthusiasten im Westteil Berlins gegründet. Kurios klingt heute auch, dass anfangs „trocken“ gefochten wurde, das heißt, dass noch keine elektrische Ausrüstung zur Verfügung stand. Erst im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurden alle Waffen elektrisch.

Da Westberlin lediglich durch kontrollierte Verkehrskorridore, die durch die sowjetisch besetzte DDR führten, mit der Bundesrepublik Deutschland verbunden war, konnten sich die Fechter der Berliner Vereine zunächst fast nur innerhalb der Stadt messen. Der Drang nach Kontakten und die Reiselust unserer Fechter führte jedoch bald zur Teilnahme an wunderbaren Freundschaftsturnieren in anderen Landesteilen Deutschlands, zur Steigerung des Leistungsniveaus und allmählich auch zu Erfolgen bei deutschen Ranglistenturnieren.

Der Schritt in die Wettbewerbsinternationalität lag nahe, wir gingen ihm mit dem Weißen
Bären, der im Zusammenhang mit dem in 1961 stattfindenden 10-jährigen Jubiläum des Bestehens des Berliner Fechterverbandes aus der Taufe gehoben wurde. Premiere hatte das Turnier – so kann es dem Fechtpass von Dietrich Dupke entnommen werden, der damals sogleich den fünften Rang belegte – am 26./27.11.1960 als Verbandsturnier, damals noch in der Columbiahalle am Flughafen Tempelhof. Dann übernahm der Fecht-Club Grunewald die sportliche Leitung, von 1969 bis 2003 in Person unseres Ehrenpräsidenten Dagobert Remuss.

1981 waren bereits 13 Nationen am Start, erstmals auch Fechter aus China. Als sich die deutschen Teilstaaten 1989/1990 wiedervereinigen konnten, was als Wunder empfunden wurde, und der „Kalte Krieg“ endete, erreichte die Fechtwelt dann eine Internationalität ganz neuen Ausmaßes. Den neuen Dimensionen entsprach auch der Umzug in das Horst- Korber-Zentrum 1991, das bis zum vorletzten Jahr unsere Turnierstätte war.

Die Freundschaftskontakte verliefen nun in alle Himmelsrichtungen, und die Konkurrenz vergrößerte sich rapide. Die fechterische Dominanz Europas schmolz, was sich auch in den Teilnehmerlisten und Siegerlisten des jährlich ausgetragenen „Weißen Bären“ zeigt, der längst international ranglisten-relevant zu einem der weltweit größten offenen Degenturniere geworden ist. Auch unser Fecht-Club Grunewald hat sich gewandelt, denn immer mehr „Neu-Berliner“ aus immer mehr Ländern treffen sich bei uns.

So ist auch der Weiße Bär immer noch „unser Turnier“ – und zugleich so sehr darüber hinausgewachsen, dass der Fechtclub-Grunewald und der Berliner-Fechterbund e.V. das Turnier nunmehr im zweiten Jahr gemeinsam organisieren und ausrichten.

Fecht-Club Grunewald Berlin e.V.

Der „Kleine Weiße Bär“

Vor zehn Jahren wurde ein Berliner Punkteturnier ohne griffigen Namen umbenannt – und siehe: Der „Kleine Weiße Bär“ erblickte das Licht der Welt.

Wie bei seinem großen Bruder oblag seine Ausrichtung von Anfang an dem Fecht-Club Grunewald. Schüler und B-Jugendliche fechten Damen- und Herrenflorett bzw. Damen- und Herrendegen.

Sicher: Das Starterfeld ist deutlich kleiner als beim großen Bruder.

Und: Punkte bringt der „Kleine Weiße Bär“ nur für die Berliner B-Jugendlichen. Bei den Schülern können seit zwei Jahren auch Schüler aus dem Berliner Umland Punkte erringen.

Regional, kleiner und mit einer kürzeren Geschichte – mit dem großen „Weißen Bären“ will sich der „Kleine Weiße Bär“ nicht messen, und ist doch ein wichtiges Berliner Turnier für den fechtbegeisterten Nachwuchs, bei dem auch jeder Teilnehmer des großen „Weißen Bären“ einmal angefangen hat.

Die Verzahnung mit dem großen Bruder lag nahe, und so findet der „Kleine Weiße Bär“ in den Disziplinen Herren und Damen-Florett erstmals in dieser
Saison im Rahmen seines großen Bruderturniers statt.

Was kann es für einen größeren Ansporn für die Jüngeren geben, als die Gelegenheit, auf der großen Bühne auftreten und sich beweisen zu dürfen?

Die Finalisten des „Kleinen Weißen Bären“ werden wie ihre großen Vorbilder im Kuppelsaal um den Sieg kämpfen.

Wir wünschen ihnen, dass sich die Begeisterung der großen Kulisse durch das Turnier und in ihrem Fechtleben fortträgt und sie zu Größerem beflügelt.

Und wer weiß, vielleicht sticht einmal ein Fechter des „Kleinen Weißen Bären“ bei seinem großen Bruder als bester Berliner hervor oder hält am Ende gar einen der begehrten großen weißen Porzellanbären in der Hand…

Fecht-Club Grunewald Berlin e.V.

Impressionen des FCG

Den Abschluss des Turniers „Weißer Bär von Berlin“ bildet immer ein Empfang vor den Finalgefechten, zu dem neben vielen Mitgliedern des FCG und anderer Berliner Fecht-Clubs auch immer Fans dieses Sports vor allem aus dem Umfeld der Fechter kommen, oft auch mit ihren Kindern oder Enkeln. Dabei ist auch Gelegenheit, besonders verdiente Personen zu ehren, wie in diesem Jahr Jutta Boergers, die für die Öffentlichkeitsarbeit dieses Traditionsturniers sorgte und auch den Kuppelsaal als Finalort gewinnen konnte.

(Leo Reichelt)