Post aus der Vergangenheit

Im Vereinsalltag passieren immer verschiedene Dinge, die einen auf Trab halten. Anfragen zu Schnupperkursen und Trainingszeiten, Ein- und Austritte, Turniervorbereitung, Planung von Festen…

Immer mal wieder passiert aber etwas Außergewöhnliches. Mal gut, mal schlecht – etwas, das einen im Alltag überrascht. Genau so etwas ist uns letzte Woche passiert. Und es war eine schöne Überraschung.

Zuhause bei sich wird sich ein ehemaliges Mitglied von uns zurückgelehnt haben, möglicherweise in einem Ohrensessel in einem gemütlich eingerichteten Zimmer, eine heiße Schokolade oder einen Kaffee neben sich, die Gedanken schweiften. Vieles wird es dort schon zu bedenken gegeben haben, schließlich ist das ehemalige Mitglied Jahrgang 1944 – viel Zeit, um vieles zu erleben. Er dachte sich aber in die Zeit zurück, als er acht Jahre alt war. ‚Damals in Berlin… da war doch mal dieser Fechtsport? Wie hieß der Verein doch gleich… in Charlottenburg oder Wilmersdorf gelegen… Grunewald?‘

Ein alter Fechtpass von damals bestätigte es: Fecht-Club Grunewald Berlin. Neugierig geworden, wird er geschaut haben, ob es da noch etwas gibt – und tatsächlich, den Fecht-Club gibt es noch, und hat eine Internetseite. Ein wenig gestöbert, fasste er den Beschluss uns zu kontaktieren:

“Sehr geehrte Damen und Herren,
 
der erste Satz in Ihrer Vereins-Chronik lautet: “Für uns gehört zu einem modernen Sport-Verein ein Stück Nostalgie.”
    Also gut – wenn das so ist, schreibe ich Ihnen diese Mail aus dem Gefühl meiner eigenen Nostalgie heraus …
    Ich bin Jahrgang 1944 und in der Gervinusstraße 19 in Charlottenburg aufgewachsen. Irgendwann zu Beginn der 1950-er Jahre kam meine Mutter auf die Idee, mich im Fechtclub Grunewald anzumelden … ich denke, den Anstoß hierzu muss eine Behandlung bei dem Hals-Nasen-Ohrenarzt ( ? ) Dr. Bennat gegeben haben, der am Ku’damm auf der Höhe des Bahnhofs Halensee praktizierte und der Gründer des Fechtclubs war. Bei ihm wurde ich damals wegen einer Nasenverengung behandelt.
    Nach meiner Erinnerung war ich zu dieser Zeit ungefähr acht Jahre alt – und im Club mit großem Abstand der Jüngste. Ich kann mir vorstellen, dass es aus diesem Grund auch nicht mehr allzu viele Zeitzeugen aus Ihrer Vereinsgeschichte gibt, die noch am Leben sind.

Alter Fechtpass sowie Abzeichen-Aufnäher

    Die Daten in dem Fechterpass, den ich heute noch ebenso wie den Club-Aufnäher besitze, gehen wirre durcheinander: Eingetreten sei ich am 1. April 1955, aber schon am 3. April 1955 wird mir die “Turnierreife” von einem Herrn Kelterborn bescheinigt. Und ausgestellt ist der Pass dann erst danach am 7. Mai 1955. Das mag irgendwie alles sein. Tatsache aber ist im Gegensatz dazu, dass ich bestimmt schon zwei, drei – wenn nicht vier – Jahre vorher in der Turnhalle in der Kranzer Straße trainiert habe. Zusammen mit all den anderen Fechtern, die wesentlich älter und vor allem größer waren als ich.
    Zum Beleg hierzu sende ich Ihnen ein Foto, das viele Jahre nach dessen Anfertigung ohne mein Wissen in einem Jugendkalender erschienen ist (worauf uns damals eine Bekannte aufmerksam gemacht hat, die das Bild zufällig entdeckt hatte). Ich besitze auch noch ein Foto von einem Schaufechten in der Messehalle am Funkturm – das Bild ist freilich nicht sehr aussagekräftig, weil nur ich weiß, dass ich das kleine weiße Pünktchen da hinten auf der Planche bin …
    Bei meiner Fechterprüfung am 3. April 1955 gab es insofern ein Problem, als niemand zur Hand war, mit dem ich ein Probegefecht machen konnte, weil alle Leute doppelt so groß waren wie ich. Schließlich fand man einen seeehr alten und seeehr kleinen Herrn, mit dem das Gefecht dann gemacht werden konnte. Gesagt wurde mir nach der Prozedur, ich sei nun Deutschlands jüngster turnierreifer Fechter … Darauf war meine Mutter immer sehr stolz (meinen Vater hat das alles nicht so interessiert).

“Fachsimpeln im Fechtsaal” (Foto: Günther Faskel, 1956), in: Jugend in aller Welt, Berlin-Steglitz (Horst Siebert Verlag) 1958, Januar 1958 (links Dietrich Dupke, rechts Detlef Brennecke)

 ‘Gemacht’ habe ich aus diesem Prädikat freilich nichts, weil ich – wie gesagt – körperlich allen anderen Fechtern zu jener Zeit immer unterlegen war. Dann zogen wir im Jahr 1958 von Berlin nach Frankfurt am Main, und dort habe ich meine fechterische ‘Karriere’ dann auch nicht mehr fortgesetzt. (Übrigens musste mein Florett bei diesem Umzug mit der Post [ ! ] nach Westdeutschland geschickt werden, weil der Transport einer Waffe durch die DDR verboten war!)
    Erinnern kann ich mich noch, dass es eines Tages ein besonderes Ereignis war, als ein ungarischer Fechtmeister das Training  übernahm. Und an Herrn Bennat (dessen Namen ich vergessen hatte und den ich jetzt erst Ihrer Chronik wieder entnehmen konnte) muss ich gelegentlich denken: Seine Unterschrift wurde angesichts ihrer völligen Unlesbarkeit immer sehr bestaunt – meine eigene ist heute noch absurder …
    Vielleicht ist das eine oder andere in meinem Nostalgie-Ausbruch ein wenig unterhaltsam für Sie. (…)
    Mit wirklich herzlichen Grüßen, Ihr
 
Dr. Detlef Brennecke”

Tatsächlich sehr unterhalten und bewegt durch diese Nachricht und unsererseits neugierig geworden, wurde Herr Brennecke gegoogelt und siehe da, aus ihm ist, wie der Rowohlt Verlag zu berichten weiß, nicht nur ein Doktor, sondern auch ein Professor der Skandinavistik geworden, bevor er sich später auf das Schreiben von Büchern besann.

In einer Antwort an Herrn Brennecke wurde diese Information natürlich schamlos ausgenutzt, was folgende Antwort provozierte:

Schaufechten in der Messehalle am Funkturm

“Lieber Herr Moldenhauer,
 
umgekehrt bin nun ich durchaus bewegt durch Ihre freundliche Antwort …

   Wie ich sehe, haben Sie mich unterdessen gegoogelt und schon mal eines meiner rund dreißig Bücher entdeckt. Naja … tempi passati. (Ich war unter anderem Professor für Skandinavistik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, habe mich dann aber als ‘Privatgelehrter’ aufs Bücherschreiben verlegt und auch mehr als dreißig Jahre lang Manuskripte für den Rundfunk geschrieben – seit 2003 privatisiere ich ganz und gar und genieße ein Leben fern von allen Pflichten – procul negotiis.)
  Meinen Text und die Fotos können Sie gerne verwenden, aber nur unter der Bedingung, dass nirgendwo meine heutige Adresse, E-Mail-Adresse oder dergleichen auftaucht und Sie die auch nicht an Dritte weitergeben; ich versuche eisern, unsere Privatsphäre zu schützen.  
Im Anschluss an meinen Brief an Sie neulich ist mir klar geworden, dass ich in der Tat noch ein paar Relikte (um nicht zu sagen: Reliquien) aus jener Zeit besitze: eines meiner beiden damaligen Florette und vor allem auch noch meinen edlen Fechthandschuh aus ganz weichem Leder; bei letzterem fasziniert mich manchmal, dass meine Hand da noch immer ohne weiteres reinpasst.
    Und noch eine Anekdote: Vor mehreren Jahren waren meine Frau und ich zusammen mit meinem ältesten Berliner Jugendfreund und seiner Frau vor dem Haus Gervinusstraße 19. Wir beiden Jungs waren dort auf demselben Stockwerk aufgewachsen; eine tolle Konstellation seinerzeit. Wie wir da stehen, kommt eine sehr alte Frau aus dem Haus, und ich sage zu meinem Freund: “Die ist so alt, die wohnt hier vermutlich schon lange. Vielleicht kennt die uns.” Wir stellen uns vor, und dabei stellt sich dann in der Tat heraus, dass die Frau schon seit vor dem Krieg dort wohnte. Wie ich meinen Namen sage, platzt sie heraus: “Jenau. Sie kennick. Sie haben doch damals jefochten …”  
    Das muss die Leute beeindruckt haben, denn wer tat das damals schon?
    (…)
    Okay, bis zum nächsten Mal sende ich Ihnen sehr herzliche Grüße in meine Heimatstadt, Ihr
 
Detlef Brennecke “

Diese Information und diese Mail sollte nicht nur im Kreise des Vorstands bleiben, sondern wurde mit verschiedenen älteren Mitgliedern des Vereins geteilt, die sich dann ihrerseits anfingen zu erinnern – wenn auch nicht an Herrn Brennecke persönlich:

Klaus Petrick:

„(…) das ist wirklich ein interessanter Schriftwechsel (mit einem Schriftsteller quasi aus unserer Produktion!)
(…) Erwin Bennat war Zahnarzt, Kelterborn war Berliner Fechtverbandsvorsitzender, auf dem Bild mit Brennecke ist Dietrich Dupke, was Du sicher alles schon weißt. Ich habe Brennecke nicht gekannt, da ich erst 1962 von in den FCG eingetreten bin nach 5 Jahren Fechten in Bremen.“

Fechttraining in der Kranzer Straße

Eva Schlede:

 „Ich erinnere mich nicht an ihn, in meinem Pass steht das Datum 11. Mai 1957. Ich bekam ihn erst nach der Turnierreifeprüfung. Herr B. hat nicht berichtet, bei wem er Fechten lernte.
Wir hatten einen  „Trainer“, der Schauspieler etc. im Bühnenfechten ausbildete, er brachte uns die perfekte Körperhaltung bei, Quartparade und Riposte habe ich aber von einem „alten“ Fechter (Herrn Wendlandt) gelernt.
Herr B. erwähnt einen sehr kleinen Fechter, das könnte ein Herr Poppe gewesen sein, der klein und dick war; sein Bruder war klein und dünn, dieser kassierte die Beiträge.
 Unsere Halle war die Halle, in der heute der BFC trainiert, wir haben aber auch im Grunewald Tennis Club trainiert, Kochkiste genannt.“

Woraufhin prompt die Antwort kam:

„[E]s könnte sogar sehr gut sein, dass Bennat das [ = die Fechtausbildung von Herrn Brennecke] am Anfang selbst gemacht hat, ansonsten erinnere ich mich an niemanden – dass jener dünne kleine Mann der Kassierer war, das kann sehr gut sein – mir wird in meiner Erinnerung immer deutlicher, wie die aufgeregt hin und her liefen und diskutierten, wie man denn dieses ungewöhnliche ‚Problem‘ lösen könnte, und am Ende sagte einer sinngemäß: ‚Okay, dann mach ich das‘ – und was jene Dame [Eva] betrifft, so erzähle ich manchmal, wie es mir als, sagen wir: Zehnjährigem absolut unangenehm war, mit einem der seltenen Mädchen oder einer der seltenen jungen Frauen zu fechten, weil ich mich mehr oder minder nicht traute, die auf die Brust zu pieken.“

Nach einigem Nachdenken kam noch hinzu:

„… ich will das nicht zu weit treiben, aber – ich habe ein eidetisches Gedächtnis und kann mich noch gut an die Prüfungsszene erinnern: Vor mir waren ein paar Tische nebeneinandergestellt, Tische wie aus einem Klassenzimmer, der Raum selbst war nicht sehr hell, und jenen kleinen dünnen Mann habe ich auch noch irgendwie in Erinnerung: klein, dünn, ein sehr faltiges Gesicht – und womöglich war er auch blond … an Frau Schlede erinnere ich mich freilich genausowenig wie sie sich an mich (sie war halt fünf Jahre älter als ich und ich fünf Jahre jünger – da lagen Welten zwischen uns …).“

Danach war der Austausch von Erinnerungen beendet und was bleibt, ist nun seinerseits ein Erinnerung, ein paar Fotos, ein Bericht und ein gutes Gefühl. Es ist schön, dass den Verein auch solche kleinen Episoden und Anekdoten ausmachen.

Wer sich übrigens ein Bild davon machen will, wie der jugendliche Fechter heute aussieht, der kann den unten stehenden Link anklicken. Dort hat sich Detlef Brennecke 2017 spontan nach dem Besuch einer Michelangelo-Ausstellung zu seinen Eindrücken geäußert.

(Marian Moldenhauer)